«Ein Altstadthaus aufstocken? Die Denkmalpflege hatte zunächst keine Freude an dieser Idee. Überzeugen konnten wir die Verantwortlichen mit einem Blick zurück. Denn im Verlauf der Geschichte sind nachträglich hinzugefügte Geschosse nichts Neues. Im Gegenteil, wer mehr Platz brauchte und sich die Arbeiten leisten konnte, baute schon zu früheren Zeiten in die Höhe. Vor allem an Stellen, wo der Raum knapp ist, so wie hier im Herzen St. Gallens: enge Strassenzüge, lange Häuserzeilen, alles ineinander verwoben, aber als Ganzes stimmig.
Mit unserem Vorhaben konnten wir an diese Tradition anknüpfen. So kam es, dass die Liegenschaft an der Löwengasse 3 nun zwei Stockwerke mehr aufweist als vor der Totalsanierung, die 2024 abgeschlossen wurde. Von aussen sieht man das nicht, da die gesamte Fassade zur historischen Bausubstanz passt. Doch innen ergibt sich ein gewaltiger Unterschied: Rund 500 Quadratmeter Fläche haben wir hinzugewonnen. Der Wert des Objekts ist dadurch stark gestiegen. Früher umfasste das Haus nur zwei Wohnungen, dafür mehr Gewerbefläche. Heute steht, abgesehen vom Erdgeschoss, das Wohnen im Vordergrund. Und das Projekt rechnet sich, die Bruttorendite ist genügend. Wir sind überzeugt, dass wir das Bestmögliche für den weiteren Bestand der Liegenschaft getan haben, auch im Sinne der Denkmalpflege.
Eine seltene Chance genutzt
Wir, das sind Daniel Hengartner und ich, ein eingespieltes Team. Viele kennen den erfahrenen Immobilienexperten als ehemaligen Präsidenten des SIV. Für mich ist er zudem ein idealer Geschäftspartner. Als Daniel und ich im Sommer 2021 dank unserem Netzwerk erfuhren, dass die Löwengasse 3 verkauft werden soll, zögerten wir keinen Moment. Wir übernahmen das damals veraltete Haus und gründeten die Löwengasse Immobilien AG, weil wir viel Potenzial sahen: die attraktive, zentrale Lage und die damit verbundenen Möglichkeiten. Überliefert ist, dass an dieser Stelle in der St. Galler Altstadt schon vor 500 Jahren ein grösseres Haus stand. Abgesehen vom Gewölbekeller stammt die Substanz des heutigen Gebäudes vorwiegend aus dem späten 19. und dem frühen 20. Jahrhundert. Genutzt wurde der zweckmässige Bau einst als Gewerbehaus, unter anderem als Färberei und Tuchhandlung. Daniel und ich entschieden uns für eine Umnutzung, weil wir weiteren Wohnraum in der Innenstadt schaffen wollten.
Die Grundrisse der neuen Wohnungen sind mehrheitlich zweistöckig.
Austausch mit der Denkmalpflege
Dass so vieles wie möglich erhalten werden kann, war uns beim Umbau wichtig. Vor allem statisch war das Vorhaben herausfordernd. Einige tragende Stützen und Balken mussten verstärkt und gesichert werden, damit sie der heutigen Norm entsprechen. Dennoch bin ich überzeugt, dass wir den Charakter des Gebäudes wahren konnten – als Brücke in dessen Vergangenheit. Das sieht man zum Beispiel an den langen Korridoren, die es in den oberen Etagen schon früher gab, und am kleinen Atrium, das über alle Stockwerke hinweg bereits vor hundert Jahren als Lichtquelle und Fluchtweg diente.
Insgesamt umfasst das Gebäude 17 unterschiedlich grosse Mietwohnungen – vom möblierten Studio bis zur weitläufigen 5,5-Zimmer-Wohnung. Mehrheitlich haben wir auf zweistöckige Grundrisse gesetzt, auch Duplex genannt. Die Appartements sind individuell aufgeteilt und haben je zwei Fensterfronten. So gelang es uns, die Grundstruktur der ursprünglichen Räume beizubehalten. Der regelmässige und konstruktive Austausch mit der städtischen Denkmalpflege führte dazu, dass es uns zudem gestattet wurde, Balkone zu erstellen – ein Mehrwert für die ganze Anlage.
Ein Gesicht, an das man sich erinnert
Daniel und mich reizte es, das Beste aus diesem Objekt herauszuholen, das bisher im Stadtbild verschwand und kaum bekannt war. Unser Ziel bestand darin, ihm ein Gesicht zu geben, das in Erinnerung bleibt. Ich denke, dass uns das gelungen ist. Das heutige Haus besticht mit seinem Kontrast: Aussen wirkt es vertraut, innen überrascht es. Bei der Fassade war «Zurück zu den Wurzeln» unser Motto, wir orientierten uns stark an Fotografien aus vergangenen Zeiten. Und sobald man die Tür öffnet, trifft man auf Böden aus Beton und Parkett, auf eine moderne Ausstattung, auch bezüglich Brandschutz. Ich finde, dass wir respektvoll mit dem Bestand umgegangen sind und ihn dennoch mit wertsteigernden Spuren der heutigen Zeit prägen konnten.
Als Architekt, der Mitbesitzer ist, hatte ich bei allen Schritten der Umgestaltung eine Doppelrolle inne. Das war inspirierend. Das Ergebnis überzeugt funktional und ästhetisch. Wir haben unseren eigenen Teil zur langen Geschichte der Löwengasse beigetragen. Sogar in einigen Jahrzehnten wird das noch Sinn ergeben.»
Zur Person
Reto Egloff ist Inhaber und Geschäftsleiter der Reto Egloff Architect AG mit Sitz in St. Gallen. Er ist Hochbauzeichner und hat Architektur an der Università della Svizzera Italiana in Mendrisio studiert. Zudem hat er einen Master am CUREM im Bereich Real Estate an der Universität Zürich absolviert. 2010 machte er sich mit der eigenen Firma beruflich selbstständig.

